Zählen op Platt: die Zahlen von 20 bis 100

Letztes Mal haben wir die Zahlen bis 20 gelernt. Heute zählen wir auf Plattdeutsch die Zahlen bis 100. Und das geht so:

10 – teihn, 20 – twintig, 30 – dörtig, 40 – veertig, 50 – föfftig, 60 – sösstig, 70 – söventig, 80 – tachentig, 90 – negentig, 100 – hunnert.

Bei der 50 ist noch die Nebenform fofftig zu nennen. Die 80 – tachentig ist eine gesonderte Erklärung wert. Mehr dazu unten. Aber lass uns jetzt erst mal eine Runde mit diesen Zahlen spielen. Zur besseren Lesbarkeit für die Anfänger unter uns habe ich Bindestriche eingefügt. Später würde man die natürlich nicht mitschreiben. Ach was sage ich… Später nimmt man natürlich nur die Zahlzeichen.

  • 21 : een-un-twintig
  • 37 : söven-un-dörtig
  • 45 : fief-un-veertig
  • 56 : söss-un-föfftig
  • 87 : söven-un-tachtig
  • 99 : negen-un-negentig

Wieso heißt die achtzig auf Platt tachentig?

Das ist eine spannende Geschichte. Im Grunde gibt es drei Formen: achtig, tachtig und tachentig. Alle drei lassen sich mehrere hundert Jahre zurückverfolgen. Alle drei kommen auch in niederländischen Dialekten vor. Jenseits der Grenze hat sich tachtig durchgesetzt. Diesseits der Grenze, auf Platt, schwankt der Gebrauch zwischen achtig, was dichter am Hochdeutschen dran ist, und tachentig.

Ich plädiere für die Form tachentig. Warum? Die große Nähe zum Hochdeutschen ist wie ein Staubsauger, der alle plattdeutschen Besonderheiten aufsaugt. So verdrängt ja auch hüüt das andere plattdeutsche Wort für heute, und das heißt „vundaag“. Ich bin daher immer dafür zu haben, die plattdeutschen Sonderlocken zu pflegen, gezielt anzubauen und wieder bekannt zu machen.

Bei der Form tachentig stellen sich zwei Fragen. Zunächst die einfache:

Woher kommt das -en-?

Das eingeschobene -en- ist einfach zu erklären. Das ist eine Analogiebildung zu den benachbarten Zehnern, also

söv-en-tig, tach-en-tig, neg-en-tig

 

Woher kommt das anlautende t?

Mein erster Verdacht war eine falsche Abtrennung, also

een-unt-achtig, twee-unt-achtig => een-un-tachtig, twee-un-tachtig etc.

Aber das ist Tüünkraam. Die Geschichte ist länger, und sie geht viel weiter zurück. Schon im Altsächsischen, also dem Großvater des Plattdeutschen (der Vater ist das Mittelniederdeutsche) findet man antahtoda (ant-aht-oda) neben ahtodoch. (Ein Altsächsisch-Lexikon gibt es online von Prof. Dr. Gerhard Köbler.) Und im Altenglischen, dem Großonkel des Plattdeutschen (auch hier ein Lexikon von Prof. Köbler) finden sich die Formen 70 – hund-seofon-tig, 80 – hund-eahta-tig, 90 – hund-nigun-tig. Das hund-/hunt- bezeichnet als Vorsilbe eine große Zahl. Dass wir es hier mit den Zehnern zu tun haben, wird sozusagen doppelt ausgedrückt. Zum einen mit dem vorangestellten „hund“ und zum zweiten mit dem nachgestellten „tig“. Das „hund“ steckt auch in unserem Wort hundert drin, aus hunda-rada. Rada bedeutet „Zahl, also in etwa „große Zahl“.

Bei dem plattdeutschen Wort für 80 hat sich nun das t aus „hunt“ erhalten, wohl weil das der einzige Zehner ist, bei dem das Basiswort (acht) auf einem Vokal beginnt.

So gesehen ist es schon irgendwie falsch abgetrennt. Aber auf einem ganz anderen Niveau als ich es erst vermutet hatte.

Wie geht es weiter?

Nächstes Mal kommen die Hunderter, Tausender und auch die richtig großen Zahlen dran, die Million, Milliarde, Billion und BillIiarde. Und dann können wir endlich auf Platt bis zu den deutschen Staatsschulden zählen.

PS:

Dass das plattdeutsche Wort für 88 tach-un-tachentig laute, halte ich für ein Gerücht bzw. einen Witz, der sich verselbständigt hat. So wie auch der Schrankenwärter Bahnwärter heißt und nicht etwa Iesenbahnslagboomopundaaldreiher.

 

 

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